Leonhart Fuchs
W. Waimann
Leonhart Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543

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Von Nachtschatten. Cap. CCLXV.

 

Abbildung Nachtschatt
Nachtschatt ( CCCXCII )
Abbildung: Seite 684

Deutsch: Nachtschatten, schwarzer
English: Nightshade, black
Francais: morelle noire
Latein: Solanum nigrum
 

Abbildung Judendocken
Judendocken ( CCCXCIII )
Abbildung: Seite 685

Deutsch: Blasenkirsche
Deutsch: Judenkirsche, gewöhnliche
Deutsch: Lampionblume
English: Lantern, Chinese
English: Lantern, Japanese
English: Cherry, Winter
Francais: coqueret
Latein: Physalis alkekengi
 

Abbildung Welsch Schlutten
Welsch Schlutten ( CCCXCIIII )
Abbildung: Seite 686

Deutsch: Herzsame
English: Heart-pea
English: Balloonvine
Francais: coeur des Indes
Francais: pois de coeur
Latein: Cardiospermum halicacabum
 

Abbildung Dollkraut
Dollkraut ( CCCXCV )
Abbildung: Seite 687

Deutsch: Tollkirsche, gewöhnliche
English: Nightshade, deadly
Francais: belladonne
Latein: Atropa belladonna
 

Abbildung Rauch öpffelkraut
Rauch öpffelkraut ( CCCXCVI )
Abbildung: Seite 688

Deutsch: Stechapfel, weichhaariger
English: Datura, Hindu
English: Thorn-apple, downy
Francais: stramoine métel
Latein: Datura metel

Namen.

N
Achtschatt würt in Griechischer spraach Strychnos unn Trychnos genent. Zu Latein Solanu / in den Apotecken Solatrum / von ettlichen Uva Lupina / Uva vulpis / und Morella.

Geschlecht.

   Der Dioscorides / wie auch Galenus / schreibt von vier geschlechten des Nachtschattens. Das erst nent er zam unn heymisch / darumb das vor zeiten in den gärten mit andern kreütern ist auffgezogen worden. Yetzund ist es gar gemein / und wechßt allenthalben hinder den zeünen unn andern orten mehr / wie wir hernach wöllen weiter anzeygen. Würt schlechtlich Nachtschat oder gemeiner Nachtschatt geheyssen. Das ander geschlecht würt Halicacabum unn Vesicaria genent. In den Apotecken Alkakengi. Zu Teütsch Judenhütlin / Judendöcklin / Judenkirsen / Schlutten / Boberellen / roter Nachtschatt.
   Die letzsten zwey geschlecht / die auch Theophrastus beschreibt / seind mir nit bekant / darumm ich nichts wil auff diß mal darvon schreiben / sonder allein von ettlichen andern Nachtschatten reden / welcher gestalt hie abgemalt / und seind derselbigen drey. Der erst ist ein geschlecht der Schlutten / darumb wir sölches welsch Schlutten geheyssen haben / dann es ein frembd gewechß ist. Das ander haben wir Dollkraut geheyssen. Ettlich aber nennen es Sewkraut / und haltens für den zamen Nachtschatten / doch nit on grossen jrthumb / dann diß kraut ein tödtlich gewechß ist / und mag nit on schaden / wie der zam Nachtschatt / jngenommen werden. Es mag aber wol das dritt gschlecht der Alraun sein / wie wir sölchs weitleüffiger haben in unserm Lateinischen kreüterbuch angezeygt. Das dritt würdt in welschen landen Stramonia / unnd Pomum spinosum genent / darumb haben wirs auch der rauhen unnd stechenden frucht halben / Rauch oder Stechend öpffel geheyssen. Welcher aller geschlecht underscheyd / wir in der beschreibung jrer gestalt volkommenlicher wöllen anzeygen.

Gestalt.

   Der zam und gemein Nachtschatt ist ein staud mit vil neben ästen unn zincken / der würt etwan elen hoch. Seine bletter seind schwartzgrün / lind / weych / und voller safft / dem Basilien kraut gleich / aber grösser unn breyter. Die blümlin sind weiß bleych / steen drauschlecht bey einand / ein yedes blümlin anzusehen wie die blumen des Lenger ye lieber / haben inwendig ein geels zäpflin. Wann dieselben abfallen / so kommen die grüne beer hernach / die werden / so sie zeitigen / schwartz. Die wurtzel ist weiß / schlecht / mit vil fasen. Die Judendocken haben stengel die werden arms lang / neygen sich zu der erden. Die bletter seind dem zamen Nachtschatten etwas gleich / doch breyter. Gewindt auch bleych blume / grösser dann der erst Nachtschatt / unn nit so weiß / darauß wachsen hole / grüne / unn gantz verschlossene secklin oder blasen / die werden zu letzst gantz rot / darinn seind runde rote körner / als rote Kirsen anzusehen / verschlossen / die seind am geschmack seer bitter / inn sonderheyt wo mans vorhin angreifft. Die wurtzel ist weiß / kreucht hin und her mit jhren zincken. Die welschen Schlutten hencken sich mit jhren fäden an / und breyten sich weit auß. Jhre bletter seind lang / und tieff zerkerfft / vornen hinauß spitzig. Die blümlin schneeweiß / darauß werden auch blasen / erstlich grün wie an den Judendöcklin / zu letzst braunlecht / darinn seind körner in der grösse den Erbsen gleich / schwartz / aber in der mitte haben sie ein weissen bletz / der vergleicht sich gantz unnd gar einem hertzen. Die wurtzel ist weiß / holtzecht / mit vilen fasen. Das Dollkraut ist ein feiner staud / ettwan dreier elen hoch / mit neben ästen als ein böumlin gestalt. Die stengel seind zum teyl kestenbraun / die bletter aber vergleichen sich dem zamen unn gemeine Nachtschatten / von welcher wegen es mag under die Nachtschatten gerechnet unn gezelt werden. Sonst scheint es mehr zu sein ein geschlecht der Alraun / wie oben auch gemellt ist. Diß gewechß gewindt lange hole blumen als schellen / braunfarb unn bleych. Wann dise schellen außfallen / wachsen runde grüne beer hernach in der grösse wie die Kirschen oder Weinbeer / ein yedes beer sonderlich an seinem styl / die werden zu letzst schwartz / inwendig gantz voller brauns saffts / unn kleiner körnlin. Die wurtzel ist fingers dick / und lang / verkreücht sich hin unnd her im grund. Die Rauhen öpffel haben bletter die seind den Nachtschatten blettern etwas gleich / aber vil grösser / in sonderheyt die so gegen der wurtzel unden an disem gewechß steen. Gewindt schöne weisse blumen / gantz rund / den grossen glatten Winden blumen änlich / aber lenger und grösser / riechen lieblich wie die weissen Lilgen. So dise blumen abfallen wechßt die frucht hernach / die ist rund wie ein apffel / grün / mit vil stechenden dörnen zu ringßumbher geziert / inwendig voller samens / der vergleicht sich ettwas dem samen des Indianischen oder Chalecutischen Pfeffers. Die wurtzel ist braunlecht / kreucht überzwerch hin unn her im erdtrich mit seinen vilen angehenckten würtzelin.

Statt irer wachsung.

   Der zam oder gemein Nachtschatt wechßt hinder den zeünen / auff den misten / und neben den mauren / an schattechten orten. Würdt auch in den gärten gefunden. Die Judenkirsen wachsen gemeinlich in den weingärten / darauß sie nit leichtlich mögen gebracht werden / wo sie ein mal jnwurtzeln. Die welschen Schlutten müssen von dem samen auffgezogen werden in den gärten / sonst kommen sie von sich selbs nit in unsern landen. Deßgleichen thun auch die Stechenden öpffel / dann sie auch ein frembd gewechß seind. Das Dollkraut wechßt in wälden.

Zeit.

   Der gemein Nachtschatt blüet den gantzen summer / aber im Herbst bringt er seine frücht. Die Judenkirsen blüen auch zu gedachter zeit / aber die frucht erscheinet im Augstmonat unnd im Herbstmonat. Die welschen Schlutten blüen im Hewmonat / und bringen volgends jhren samen. Das Dollkraut blüet im Meyen und Brachmonat / wie auch die Stechenden öpffel thun.

Die natur und complexion.

   Der gemein Nachtschatt kület und zeücht zusamen / ist aber mittelmässig in dem trücknen und feüchten. Gleiche natur haben auch die Judenkirsen. Das Dollkraut ist einer gifftigen natur / darumb es in den leib oder innerlich nit soll gebraucht werden. Von den andern zweyen haben wir noch kein sonderliche erfarung / dann es frembde gewechß seind / und newlich in unser land gebracht.

Krafft und würckung.

   Die bletter des gemeinen Nachtschatten mit gersten maltz vermischt unnd übergelegt / seind nützlich zu dem rotlauff. Dise bletter für sich selbs zerstossen / unn übergelegt / heylen den weetagen des haupts / sind gut dem hitzigen magen / unn zu allen andern hitzigen gebresten der augen / ohren / brüsten / lebern / nieren / und blasen. Mit saltz zerstossen und übergeschlagen / zerteylen und verzeren sie die ohrmützel. Der safft von den blettern mit rosenöl / silberglett / und bleyweiß vermischt / ist nützlich zu dem rotlauff. So ein rässer fluß in die augen felt / soll man disen safft mit dem weissen von einem ey vermischen / unnd überschlagen. Ein woll in disen safft getruckt / unnd in die muter gethon / stellet den frawen kranckheyt. In summa / diser Nachtschatt ist gut zu allen gebresten / die külens und hindersich treibens bedörffen.
   Die Judendocken / so vil unnd die bletter berürt / haben einerley würckung mit dem gemeinen Nachtschatten. Jre frucht aber treibt den harn / reynigt und nimpt hinweg die verstopffung der leber. Ist derhalben gut denen so die geelsucht haben. Sie reyniget auch die nieren und blasen / ist demnach krefftiglich den stein treiben.
   Von den welschen Schlutten unn den Stechenden öpffeln haben wir noch kein sondere erfarung / darumb wir auff diß mal von jrer würckung nichts künden anzeygen. Dieweil es aber schöne gewechß seind / habend wirs nit wöllen überschreiten / auff das wir den andern ursach geben nachzudencken was derselbigen würckung weren.
   Das Dollkraut hat on zweifel die krafft des vierdten Nachtschatten / der da schellig und unsinnig macht / dann es dem menschen ein tödtlich kraut ist / welchs die erfarung gibt. Ich weiß auch gewißlich das zwey kinder so die beer / welche seer süß am geschmack seind / gessen haben / bald darauff gestorben seind / welche doch zuvor gantz frisch und gesund gewesen. Ich acht es sey das dritt geschlecht des Alrauns / wie vormals angezeygt / und sölches im Latein mit mehr worten von uns bewert ist.

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© 02.05.2011 E-Mail kreuterbuch@waimann.de