Leonhart Fuchs
W. Waimann
Leonhart Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543

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Von Alraun. Cap. CCI.

 

Abbildung Alraun mennle
Alraun mennle ( CCXCIX )
Abbildung: Seite 531

Deutsch: Alraune
English: Mandrake
Francais: mandragore
Latein: Mandragora officinarum

Namen.

A
Lraun ist bey den Griechen Mandragoras / oder Circaea / unnd Anthropomorphos / zu Latein Mandragora / Canina oder terrestris malus genent. Ursachen sölcher namen aller haben wir nach der leng im Lateinischen kreüterbuch anzeygt. Eine muß ich aber hie auch melden / nemlich das sie Anthropomorphos ist von dem Pythagora geheyssen worden / das ist darumb geschehen / das jr wurtzel ettlicher massen einem menschen gleich ist / wie dann das gemäl klärlich anzeyget / und sölche wurtzel wechßt von sich selbs. Die Landstreicher / oder das ich sie recht nenne / die Landbescheisser / tragen wurtzel hin unnd wider feyl / die seind nit also von sich selbs gewachsen / sonder auß den rhorwurtzeln vorhin also geschnitten das sie ein menschliche gestalt überkommen / dieselbigen setzens darnach widerumb jn / so werden sölche wurtzeln darauß / mit har / bart unn andern dingen einem menschen änlich. Darzu liegen sie noch vil mehr / das man sölche wurtzel muß under dem galgen graben / mit ettlichen Ceremonien und Teufels gespensten / hie on not zu erzelen / welches lauter lug und betrug ist. Das hab ich hie wöllen anzeygen / darmit sich ein yeglicher vor sölchen buben wisse zehüten.

Geschlecht.

   Der Alraun seind fürnemlich zwey geschlecht / mennle unnd weible. Das mennle ist weisser / welchs gestalt hie abgemalt ist. Das weible ist schwertzer. Theophrastus aber im sechsten buch vonn der Histori der kreüter / am andern Capitel / schreibt noch von einem geschlecht / welchs frucht schwartz / und gestalt ist wie ein beer / unn hat einen weinigen geschmack. Welchs on zweifel das kraut ist / so wir nachvolgends under den Nachtschatten wöllen erzelen / unnd Dollkraut nennen / an welchem ort wir weiter darvon reden und schreiben wöllen.

Gestalt.

   Das weible Alraun hat ein wenig schmelere unnd kleinere bletter dann der Lattich / welche einen starcken geruch haben / unnd auff der erden außgebreytet seind. Zwüschen den blettern bringt sie jr öpffel / die seind den eyer tottern nit ungleich / geel / eins starcken geruchs / inwendig voller samen / den byren kernen nit unänlich. Die wurtzel seind groß / unnd allwegen zwo in einander geschrenckt oder gewicklet / außwendig schwartzlecht / inwendig weiß / mit einer dicken rinden überzogen. Hat keinen stengel. Das mennle hat grosse bletter / die seind weiß / breyt und glatt / den Mangolt blettern nit fast ungleich. Die öpffel an disem geschlecht seind zwey mal grösser dann an dem weible / eines starcken unlieblichen geruchs. Die wurtzel ist gleich dem vorigen / aber grösser / unn weisser. Hat auch keinen stengel / wie das weible.

Statt irer wachsung.

   Die Alraun wechßt gern in wälden unnd schattechten orten. Man pflantzt sie auch in gärten.

Die natur und complexion.

   Alraun ist kalt im dritten grad. Die frucht ist etwas feüchter dann die wurtzel. Die rinde der wurtzel kület nit allein / sonder trücknet auch.

Die krafft und würckung.

   Dieweil die wurtzel noch grün und frisch ist / stoßt mans und preßt ein safft darauß / den laßt man an der sonnen steen in einem jrdischen geschirr biß er dick würt. Man samlet auch auß den öpffeln einen safft / aber derselbig ist nit so krefftig als der auß der wurtzel kompt. Die rinden so man vonn der wurtzel schelet henckt man auff zu dem täglichen gebrauch. Es seind ettlich die sieden die wurtzel des Alrauns in wein biß der dritt teyl jnseudt / seyhens darnach durch / und geben darvon zutrincken ein kleins becherlin vol denen so nit schlaffen mögen / grossen schmertzen haben / unnd die man on alle empfindlicheyt wil schneiden oder brennen. Der safft der Alraun mit hönig auff einen scrupel schwär getruncken / treibt auß durch den stulgang den zähen schleim unn die schwartzen gallen / wie die Nießwurtz. Wo aber mehr von disem safft dann yetz angezeygt würdt auff ein mal jngenommen / so tödt er den menschen. Man mischt aber sölchen safft under die artzneyen so zu den augen / unnd zu legung der schmertzen gebraucht werden. Man sagt das dise wurtzel das Helffenbein weych mache / so mans sechs stund lang darmit sieden laßt / darnach mags einer in allerley form zwingen / unnd machen darauß was er wöll. Die frischen grünen bletter mit gersten maltz vermengt und übergelegt / lindern die hitz der augen so von den geschwären sich erhebt hat. Sie zerteylen und verzeren allerley geschwulst / hertigkeyt und kröpff / so mans fünff oder sechs tag fein seuberlich darmit reibt. Sie vertreiben auch die malzeychen. Die wurtzel in essig zerstossen und übergelegt / heylet das rotlauff. Mit hönig oder öl vermischt und übergestrichen / heylet sie die bissz der natern. Mit wasser gesotten und übergelegt / verzert sie geschwulst unn kröpff. Mit gersten maltz vermischt unn überglegt / lindert sie den schmertzen der gleych. Die öpffel so man daran reucht und schmeckt / bringen den schlaff. Sölche krafft hat auch jr safft. Doch sol man diser nit zuvil brauchen / dann sie tödten sonst. Der sam so in den öpffeln gefunden würdt / reyniget die mutter. Dieweil aber der innerlich gebrauch der Alraun seer gevärlich ist / so sol man den schlaff mehr zu wegen bringen / wo sölchs die noturfft erfordert / durch die öpffel und frucht derselbigen / in dem das man dran schmeckt / unn sie nit in den leib nemen.

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© 02.05.2011 E-Mail kreuterbuch@waimann.de